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Im Interview erzählt uns Jérôme Gilg, Manor-CEO, von der Transformationsphase seines Unternehmens, warum er auf eine «Speak up» Kultur setzt und wieso eine CEO-Position kein Ziel sein sollte.

Welche Herausforderungen bringt Ihre Position als CEO mit sich?

Der CEO muss in der Lage sein, in einem schwierigen Marktumfeld die richtigen Prioritäten zu definieren. Aufgrund von Digitalisierung und Globalisierung stehen viele Unternehmen heute vor grossen Herausforderungen und müssen ihr Geschäftsmodell neu ausrichten oder laufend anpassen. Die Herausforderung für Führungskräfte besteht speziell darin, sowohl kurzfristig für eine gute Stimmung zu sorgen und positive Geschäftsergebnisse zu erzielen. Gleichzeitig aber auch langfristig die richtigen strategischen Weichen zu stellen, damit der nachhaltige Unternehmenserfolg sichergestellt werden kann. In der viel zitierten VUCA Welt kommt erschwerend dazu, dass sich das Umfeld dynamisch verändert. Die Unternehmen müssen sich also ständig hinterfragen.

Auf welche Werte und Eigenschaften achten Sie bei Ihren Mitarbeitern?

Ich schätze Mitarbeitende, welche ehrlich und transparent sind sowie offen und konstruktiv kommunizieren. Ich bin der Meinung, dass Unternehmen die passenden Rahmenbedingungen schaffen müssen, damit sich die Menschen mit dem Unternehmen identifizieren. Ist dies erfüllt, muss der Mitarbeitende selber aber eine aktive Rolle spielen, Verantwortung übernehmen und im Rahmen seiner Möglichkeiten zum Unternehmenserfolg beitragen.

Was machen Sie nach einem stressigen Arbeitstag?

Ein Buch lesen und Zeit mit der Familie verbringen. Zum Ausgleich probiere ich mindestens zweimal pro Woche Ausdauersport zu betreiben. Aber die Tage als CEO sind lang und man ist viel unterwegs.

Wie sieht Ihr Bildungsweg aus?

Ich bin diplomierter Betriebswirt und startete meine Berufskarriere im Jahr 2000 in leitenden Positionen im Verkauf bei Auchan in Frankreich und China und bei Carrefour in der Schweiz. Während meiner Zeit in China war ich im Rahmen eines Ausbildungsprograms 6 Monate an der Universität und danach ein halbes Jahr in der lokalen Tochtergesellschaft von Auchan aktiv. Berufsbegleitend während meiner Zeit bei Jumbo-Markt AG habe ich noch ein Advanced Management Program an der Executive School der HSG absolviert.

Welche Ziele möchten Sie mit Ihrem Unternehmen noch erreichen?

Unser Unternehmen befindet sich in einer Transformationsphase. Kurzfristig wollen wir unsere Marktposition festigen und wieder Marktanteile gewinnen. Parallel dazu wandeln wir uns in den nächsten Jahren zum führenden „Omnichannel“ Warenhaus der Schweiz. D.h. die Kundschaft soll bei uns ein nahtloses Einkaufserlebnis zwischen stationärem und Online Handel erleben können. Um unsere ambitiösen Ziele zu erreichen, müssen wir in Infrastruktur, Mitarbeitende und unsere Unternehmenskultur investieren.

Wie kritikfähig muss ein CEO sein?

Man muss mit Kritik umgehen können und sie ernst nehmen. Solange diese konstruktiv ist, ist das auch kein Problem. Im Gegenteil: Konstruktive Kritik bringt das Unternehmen weiter. Wir pflegen bei Manor bewusst eine „Speak up“ Kultur und haben entsprechende Formate und Massnahmen ergriffen. So treffe ich mich zusammen mit einem Geschäftsleitungsmitglied einmal pro Monat mit Mitarbeitenden aller Stufen zu einem Roundtable Frühstück. Zudem müssen alle Geschäftsleitungsmitglieder jeweils ungefilterte Fragen der Angestellten in einem Videoformat beantworten, welches die Mitarbeiter via App mitverfolgen können.

Haben Sie ein persönliches Vorbild?

Jeder Mensch braucht Orientierungshilfen. Unabhängig davon, in welcher Position er oder sie sich befinden. Vorbilder helfen dabei. Mich hat am Anfang meiner Karriere ein Geschäftsführer eines KMU Betriebs, in welchem ich arbeiten durfte, sehr geprägt. Seine Vision war überzeugend. Mit viel Engagement und Herzblut hat er die Vision umgesetzt. Das war sehr eindrücklich und hat mich geprägt.

Werden junge Menschen genügend auf die Berufswelt vorbereitet?

Als gebürtiger Franzose kann ich sagen, dass unsere Nachbarländer uns um das duale Bildungssystem beneiden. Mich persönlich haben die Sommerjobs und Praktika extrem bereichert und inspiriert. Das empfehle ich allen junge Leuten, welche sich noch in Ausbildung befinde. Nutzen Sie die Semesterferien für diesen wertvollen Praxisaustausch!

Welche Ausbildung würde Sie momentan interessieren?

Die Digitalisierung ist in vollem Gange und der Anpassungsbedarf ist enorm. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mir hier gerne mehr Basiswissen aneignen.

Haben Sie ein Erfolgsrezept für junge Menschen, die eine CEO-Position anstreben?

Visionen und hochgesteckte Ziele zu haben, ist sicher nicht falsch. Das machen die Unternehmen ja auch. Jedoch sollte die CEO Position an sich kein eigentliches Ziel darstellen. Die Nummer eins in einem Markt zu erreichen, ist ja auch keine Strategie, sondern resultiert aus den richtigen Zielen und der erfolgreichen Umsetzung. Darum rate ich unseren Lehrlingen und jungenden Mitarbeitenden: Macht das, was euch Spass macht. Zeigt Interesse und engagiert euch. Der Rest kommt von alleine.

Wie ist Ihr persönlicher Führungsstil?

Ich pflege einen partizipativen Führungsstil. Ich habe ein tolles Team und jede Meinung zählt und ist wichtig. Trotzdem muss man als Geschäftsführer entscheidungsfreudig sein. Jeden Tag muss ich etliche Alternativen prüfen und Entscheidungen treffen. Das gehört zur Funktion.



Jérôme Gilg, ehemaliger Chef von Jumbo, ist seit 2019 CEO der grössten Schweizer Warenhauskette Manor. Der diplomierte Betriebswirt schätzt eine offene und konstruktive Kommunikation von Mitarbeitenden und setzt dementsprechend auf einen partizipativen Führungsstil. Um sich optimal auf die Zeit nach der Ausbildung vorzubereiten, empfiehlt der gebürtige Franzose Praktika und Sommerjobs während der Semesterferien – und vor allem Interesse und Engagement.

Wir danken Jérôme Gilg für das Interview.

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