Die heutige Jugend gilt als apolitisch. Doch wird man ihr mit dieser Beschreibung gerecht? Oder haben die Jungen vielmehr eine neue Art politischen Engagements für sich entdeckt? Spectrum hat die Co-Präsidentin von Operation Libero, Laura Zimmermann, getroffen.
Politisches Engagement von jungen Menschen? Diese beiden Begriffe verordnet man eher in vergangene Zeiten. Die heutige Jugend scheint politisch uninteressiert und zeigt wenig Engagement. Doch trügt dieser Schein? Man denke an die Durchsetzungsinitiative, Ehe-Initiative oder „No-Billag“; gegen all diesen Vorlagen hat sich die politische Bewegung Operation Libero erfolgreich gewehrt. Auch wenn die Bewegung nicht als Gesicht der Jungen betitelt werden möchte: Laura Zimmermann, Co-Präsidentin der Operation Libero repräsentiert diese Generation. Sie ist jung, dynamisch, aktiv, engagiert und deshalb die perfekte Gesprächspartnerin, um über das politische Engagement der Jungen zu sprechen.
Wachgerüttelt von erschütternden Ereignissen
„Die heutige Jugend scheint wieder etwas politischer geworden zu sein“, meint die Rechtswissenschaftlerin. Ob ihr Bild von ihrer eigenen Umgebung verzerrt ist? – sie, die sich seit mehreren Jahren aktiv für Operation Libero engagiert. Nein, die Gründe liegen ihrer Ansicht nach bei den erschütternden politischen Ereignissen der letzten Jahre. Sie selbst wurde von der Abstimmung für das Minarettverbot in der Schweiz wachgerüttelt. Damals siebzehnjährig, konnte sie noch nicht abstimmen. Das machte sie wütend. Bis heute lodert das Feuer für Politik in ihr. Mit viel Engagement setzt sie sich für ihre Anliegen ein. Zuletzt engagierte sie sich für die Kampagne gegen die „No-Billag“ Initiative. Zeit und Aufwand dafür entsprachen etwa einem sechzig bis achtzig Prozent-Pensum. Zusätzlich zu ihrer Assistenzstelle an der Universität Zürich. Aber kontroverse politische Ereignisse, wie etwa die Wahl von Donald Trump oder die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, können nicht die vollständige Erklärung für eine politischere Jugend sein. Denn auch nach Ereignissen wie diesen engagierten sich in den vergangenen Jahren nicht mehr junge Leute bei einer Partei. Wie ist das zu erklären?
Heute hier, morgen dort
Die jungen Menschen sind flexibler geworden. Sie studieren ein halbes Jahr im Ausland oder wechseln aufgrund der Arbeitsstelle ihren Wohnort. Diese Lebensform ist schwer mit den heutigen Parteistrukturen vereinbar. Um sich im politischen System Schweiz hochzuarbeiten und zu etablieren, muss man Ausdauer beweisen und vorzugsweise am gleichen Ort oder im gleichen Kanton wohnen bleiben. Diese Lebensform ist nicht mehr zeitgemäss. Attraktiver für die neuen Lebensumstände gestalten sich dagegen Bewegungen wie Operation Libero. Verteilt in der ganzen Schweiz, haben alle die Möglichkeit, irgendwann und irgendwo mitzuwirken. Auch wird bei ihnen keine Quotenpolitik, sondern einzig und allein Sachpolitik betrieben. „Wir wollen und müssen nicht gewählt werden, deshalb können wir auch sagen, was wir meinen, ohne dass wir an gewisse Raster und Wiederwahlen denken müssen.“ Diese Unabhängigkeit ist für Laura Zimmermann ein grosser Vorteil.
Laura Zimmermann, Co-Präsidentin von Operation Libero und Assistentin an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich.
Laura Zimmermann, Co-Präsidentin von Operation Libero und Assistentin an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich. Foto: Jos Schmid
Gefangen in der Freiheit
Jung, ungebunden und frei: die Schlagwörter der heutigen Jugend. Wir können unser Leben gestalten, wie wir wollen. Doch sind wir wirklich so frei, wie wir denken? Durch die vielen Möglichkeiten lastet auch ein starker Druck auf uns – der Druck, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun. Deswegen fällt es vielen schwerer, sich festzulegen. Früher, beispielsweise in den 68er Jahren, bäumten sich die Jungen gemeinsamen gegen einen Zwang auf. Doch was eint uns heute? Wir, die durch unsere Freiheit alle zu Individualisten wurden? Die Selbstoptimierung. Denn wenn man sich völlig frei erfinden kann, dann auch möglichst perfekt. „Ein bisschen mehr politisches Engagement und ein bisschen weniger Yoga und Superfood wären manchmal schon wünschenswert“, meint auch Laura Zimmermann. Doch obwohl die heutige Jugend sich weniger festlegt und mit dem Druck der Selbstoptimierung zu kämpfen hat, klar ist: Es gibt sie noch immer, die politischen Jungen. Sie lehnen sich auf, ecken an und engagieren sich so für das Chancenland Schweiz. Das ist das Wichtigste.
Dieser Beitrag ist als Erstpublikation auf unifr.ch/spectrum erschienen.

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