Ich pries ihre Arbeit, sie priesen die Toskana. Mein Praktikumssemester bei den Eisenbahn-IngenieurInnen von PROSE in Pisa.

Vom vierten Stock des Bürogebäudes im Industriequartier Porta A Mare südwestlich des Zentrums sieht man den Schiefen Turm von Pisa nicht. Hier sieht man auf Industriehallen, Eisenbahnlinien, Strassen, den Flughafen. PROSE passt in diese Umgebung. Das Unternehmen, bei dem ich mein Praktikum im Rahmen meines Bachelors in Angewandten Sprachen absolvierte, bietet Engineering-Dienstleistungen im Eisenbahn-Bereich an. Mit dem Engineering hatte ich zum Glück nichts zu tun. Ich war als Mitglied des Marketing-Teams dafür verantwortlich, die Arbeit der Ingenieurinnen und Ingenieure im besten Licht zu präsentieren.

Nebst alltäglichen Marketing-Aufgaben wie dem Schreiben von Projektinformationen durfte ich bei der Kampagne für die weltweit führende Schienenfahrzeugmesse InnoTrans dabei sein und die Unternehmenswebseite neu gestalten. Da PROSE ein Unternehmen mit Sitzen in ganz Europa ist und fast alles mehrsprachig produziert wird, durfte ich das erstellte Material oft gleich noch übersetzen. Meistens übersetze ich zwischen Englisch und Deutsch hin und her, öfters auch von Englisch nach Italienisch und manchmal von Englisch nach Französisch. Mitunter konnte das etwas verwirrend werden. Wenn ich gerade mit einer Englisch-Französisch-Übersetzung beschäftigt war und mir dann ein Mitarbeiter auf Italienisch eine Frage stellte, lag meine Antwort sprachlich in der Regel irgendwo zwischen Esperanto, Rätoromanisch und Kleinkind-Kauderwelsch.

Landeskunde in der Kaffeepause

Ein wichtiger Teil meines Arbeitstags bei PROSE waren die Pausen. Für die Arbeit im Unternehmen waren sie zwar unbedeutend, da niemand während der Pausen über die Arbeit sprach. Dafür sprach man über alles andere. Nirgendwo sonst lernte ich so viel über die Sprache und Kultur von Pisa, der Toscana, Italien wie in den Kaffee- und Mittagspausen bei der Arbeit. Einerseits stellten mir meine ArbeitskollegInnen mit Freude Wochenendausflüge zusammen, die derart detailliert geplant waren, dass ich im mir empfohlenen Restaurant nicht einmal mehr die Speisekarte studieren musste: Ich wusste bereits, welche örtliche Spezialität ich zu bestellen hatte. Andererseits beantworteten meine KollegInnen alle meine Fragen. Sie erklärten mir, wo man sein Velo in Pisa abstellen sollte, damit es nicht gestohlen wird, und ab welcher Tageszeit es üblich ist, die Leute mit «Buonasera!» zu grüssen (spätestens ab Mittag).

Jonas Bühler in der Toskana (Foto: zvg)

Derart gut beraten konnte ich meine vier Monate in Pisa nur geniessen. Ich entdeckte neue Speisen, probierte lokale Zapfbiere und einheimische Weine, besuchte an den Wochenenden schöne Städte und wanderte durch abwechslungsreiche Landschaften. Nur etwas liess ich aus: Ich stieg nie auf den Schiefen Turm. Aber das soll man auch nicht tun, solange man noch studiert. Denn das bringe Unglück, sagen die Ingenieurinnen und Ingenieure von PROSE.

Dieser Beitrag ist als Erstpublikation auf Language matters – Blog für Sprache und Kommunikation der ZHAW erschienen.

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