«Auf meine Ausbildung bin ich stolz!»

Foto: Safi Ullah
Noch als Teenager flüchtet Safi Ullah aus Afghanistan in die Schweiz und erarbeitet sich hier den Unsicherheiten zum Trotz dank einer Ausbildung seinen Weg in die Eigenständigkeit.

Mit sanftem Händedruck und freundlich offenem Blick begrüsst mich Safi Ullah nach getaner Arbeit auf der Baustelle nun im Sitzungszimmer der Firma Keller in Altendorf. Es herrscht reger Betrieb kurz vor Ende des Arbeitstages. Rapporte ausfüllen, Planungen für den nächsten Tag durchgehen und dabei zwischen Tür und Angel noch manche humorvollen Worte in Feierabendlaune austauschen. Safi Ullah macht eine zweijährige Lehre als Maler und hat um Unterstützung gebeten, damit er die Lehrabschlussprüfung im Sommer meistern kann. So darf ich im Rahmen der fachkundigen individuellen Begleitung mit ihm den Schulstoff der Berufsschule eingehend durcharbeiten. Während den nächsten 10 Monaten werde ich nicht nur erfreuliche Fortschritte bei seinen schulischen Leistungen miterleben, sondern auch einen interessanten jungen Flüchtling kennenlernen, der sich seinen Weg durch das Bildungssystem und in die Unabhängigkeit erarbeitet. Doch wer ist er, der als vorläufig Aufgenommener, eine Lehre absolviert?

Warten, bis ein Ankommen möglich erscheint

Eine beschwerliche Reise geprägt von Unsicherheiten, Angst und Durststrecken im wahrsten Sinne des Wortes liegt hinter Safi Ullah, als er im August 2013 an der Schweizer Grenze ankommt. In seiner Heimat hat er die obligatorische Schulzeit abgeschlossen, zusammen mit seinem älteren Bruder, der, genauso wie der Vater, nicht mehr lebt.

Knapp 18 Jahre alt ist Safi Ullah, als er am Anfang seiner Ankunft steht. Er ist einer unter den über 43’000 Personen, die in der Schweiz Asyl beantragen in diesem Jahr. Von seinen Landsleuten sind es knapp 900; zahlreicher sind die Asylgesuche in diesem Jahr von Flüchtenden aus Eritrea, Nigeria, Tunesien und Syrien. Mit manchen von ihnen teilt er sich eine vorläufige Bleibe, das Asylheim in Chiasso. Warten ist angesagt, denn es steht kein Übersetzer zur Verfügung. Einige Tage später geht die Reise weiter nach Altstätten ins Bundesasylzentrum, wo ein Dolmetscher zwischen Paschto und Deutsch hin- und herwechselt, so wie die Fragen und Antworten bei diesem ersten Interview. Erneutes Warten, dieses Mal in Locarno, untergebracht in einem Bunker ohne Tageslicht. Zu einem zweiten Interview kommt es einen Monat später und damit wieder zu einer Verlegung ins St. Gallische Altstätten. Der vierte Wechsel steht dann im Spätherbst an: Der junge Afghane lebt fortan im Durchgangszentrum Grünenwald. Dieser Ort im Muotatal wirkt beengend, auf beiden Seiten nehmen die Berge die Weite. Widerstand gegenüber Asylsuchenden ist dort vielleicht bereits spürbar, wird sich doch ein Jahr später eine beachtliche Anzahl Einwohner aktiv gegen die Erneuerung des Zentrums stark machen. Über seine Zeit im Durchgangszentrum erzählt Safi Ullah mit sichtlicher Erleichterung in der Stimme: „Ich ha Glück gehabt, bei mir isch es nur drüü Mönet gange“. Dann wird er der Gemeinde Reichenburg SZ zugeteilt. Das Warten endet damit zwar nicht, denn noch immer steht Safi Ullah im Asylverfahren, hat Status N und verfügt weder über Bewegungsfreiheit noch Chancen zu arbeiten. Doch die ständigen Ortswechsel gehören nun der Vergangenheit an und lassen ihn vorerst aufatmen.

Auf das Vorläufige setzen

Es ist Frühling 2014, als Safi Ullah in Reichenburg SZ im Asylheim den ersten Deutschkurs besucht und vom Bundesamt für Migration ein Schreiben erhält: Asylgesuch abgelehnt. Safi Ullah wird zwar als Flüchtling anerkannt, seinem Asylgesuch jedoch nicht stattgegeben. Die Rückkehr in sein Heimatland sei jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht „zumutbar“, weshalb er vorläufig aufgenommen wird und den Ausweis F erhält. Nach Abweisung des Asylgesuchs kann sich der Vollzug als unmöglich, unzulässig oder unzumutbar erweisen. Letzteres trifft zu, wenn eine konkrete Gefährdung der asylsuchenden Person besteht. Etwas über 6’000 Personen wird im Jahr 2014 in der Schweiz Asyl gewährt. Das Los der Ablehnung mit vorläufiger Aufnahme teilt Safi Ullah mit fast 8’000 Personen. Viele von ihnen sind wie er gerade den Teenagerjahren entwachsen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Weisch, mit F kann ich da bliibe. Es Handyabo mache, isch aber schwierig“

Später lernt er in einem dreimonatigen Intensivkurs Deutsch und besteht den Aufnahmetest fürs Brückenangebot vom Kanton Schwyz. Dort lernt der motivierte Schulabgänger während zwei Jahren  alles Wichtige über Kulturelles, Systeme, Regeln, Einrichtungen, Bildungswege und Praktisches für das Leben in der Schweiz. Zwischendurch wird sein Ausweis F wieder um ein Jahr verlängert. „Weisch, mit F kann ich da bliibe. Es Handyabo mache, isch aber schwierig“, erklärt Safi Ullah pragmatisch. Der Kontakt zu seiner Familie ist zwischendurch abgebrochen, zu unsicher empfindet er die Lage, um eine Verbindung aufrecht zu erhalten. Als er während der Integrationsjahre beginnt, Fuss zu fassen, erzählt er seiner Familie in der Heimat von seinen Perspektiven: Nach einer Schnupperwoche besteht die Chance, ein sechsmonatiges Praktikum in einem Malerbetrieb zu absolvieren. Daraufhin wird ihm ein Arbeits- und Lehrvertrag angeboten. Kaum zu glauben für seine Familie, dass diese Ausbildung ganze zwei Jahre in Anspruch nehmen soll. Die verkürzte Lehre stellt etwas weniger hohe Anforderungen an Lernende, ermöglicht ihnen jedoch trotzdem ein eidgenössisch anerkanntes Berufsattest (EBA) zu erwerben.

Berufliche Grundbildung

Noch immer hat Safi Ullah den Ausweis F, gilt als vorläufig aufgenommen für ein weiteres Jahr. Sein Arbeitgeber und Ausbildner stellt deshalb ein Gesuch beim Kanton, damit er den motivierten Praktikanten nun als Lehrling anstellen darf. Den Ausweis „vorläufig aufgenommen“ assoziieren Personalverantwortliche in den KMU wohl weder mit Stabilität noch Verlässlichkeit. Nicht ganz unbegründet, denn das Recht auf Aufenthalt und Erwerbstätigkeit in der Schweiz gilt dabei immer nur für ein Jahr. In der Regel wird der Ausweis verlängert und faktisch blieben ohnehin eine „überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge mit Ausweis F in der Schweiz“, ist beim Staatssekretariat für Migration zu lesen. So kann eine Anstellung von Flüchtlingen mit Ausweis F für KMU laut dem Eidgenössischen Departement für Bildung, Forschung und Entwicklung sehr interessant sein. Denn, es könne sich um „äusserst motivierte Menschen“ handeln, die sich bei ihrer Arbeit „besonders stark engagieren, weil die Integration dadurch erheblich befördert wird“. Personen mit einem F-Ausweis zählen nebst solchen mit B-Ausweis als inländische Arbeitskraft.

Für eine praktische Arbeit mag die Verständigung im Deutsch auf Niveau der Grundstufe zwar ausreichen, doch die Anforderungen in einer Lehre sind als Fremdsprachiger in Wort und Schrift hoch. Zudem sind die Inhalte gespickt mit spezifischen Fachbegriffen und ein Grundwissen in bestimmten Schulfächern Voraussetzung fürs Verständnis der Materie. In grosser Selbstverantwortung und mit einer Weitsicht, die der eine oder andere Gymnasiast vermissen lässt, bleibt Safi Ullah dran, bittet seinen Vorgesetzten mehrmals um Unterstützung, obwohl seine Noten noch nicht widerspiegeln, was er bereits merkt: Seine Deutschkenntnisse sind nach gut drei Jahren zwar auf einem beachtlichen Stand und für den Arbeitsalltag völlig ausreichend, doch für das Schulische stellen sie eine Hürde dar.

Sein Chef wendet sich daraufhin an das kantonale Amt für Bildung, welches über entsprechende Ressourcen verfügt. Und so sitzen Safi Ullah und ich schon bald Woche um Woche nach Feierabend im Sitzungszimmer seines Ausbildungsbetriebs umgeben von Büchern, Ordnern und selbstverfassten Lernkarten. Engagiert büffelt er Fachkunde und lernt dabei weitere Fachbegriffe, deren Bedeutung wir zusammen erarbeiten. Er, vertraut mit den Materialien und Methoden der Oberflächenbearbeitung, erklärt mir, was wo eingesetzt wird, während ich ihm die zuweilen furchtbar langen Wörter der deutschen Sprache in einzelne Bausteine zerlege, damit sie zugänglicher werden.

Foto: Safi Ullah mit Berufsattest

Erfolgreicher Abschluss

„Praktisch arbeiten!“, antwortet mir Safi Ullah ohne zu Zögern auf die Frage, was ihm während der ganzen Ausbildung am leichtesten gefallen sei. Umso beachtlicher erscheinen seine Disziplin und Beharrlichkeit für alle schulischen Anforderungen, die er während seiner Lehre an den Tag legt.

„Praktisch arbeiten!“

Mit breitem Lächeln und sichtlichem Stolz hält er im Sommer 2018 sein Abschlusszeugnis in der Hand. Einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterzeichnet er wenige Wochen später bei seinem Ausbildungsbetrieb, wo er bereits seit Beginn als zuverlässiger Mitarbeiter mit viel Eigeninitiative geschätzt wird. Wenig erstaunlich also, dass er während einer Ferienabwesenheit die Leitung des Spritzwerks im Betrieb übernimmt.

Ein langer Weg

Mit dem Abschluss und dem Arbeitsvertrag in der Tasche, sieht die Lage für Safi Ullah weniger vage aus. Was für ihn bereits seit Jahren klar ist, soll sich auch auf dem Papier manifestieren: Er baut hier sein Leben auf und möchte eine Aufenthaltsbewilligung (Ausweis B) erhalten. Eine lange Liste an Dokumenten reicht er im Frühling 2019 mitsamt einem Empfehlungsschreiben beim Bundesamt für Migration ein. Das Warten auf eine Antwort aus Bundesbern ist dieses Mal anders. Weniger bedrohlich, weniger dem Prinzip Hoffnung folgend, eher mit einer gesetzten Geduld eines rechtschaffenen Erwachsenen. Kurze Zeit später liegt der für ein Jahr gültige B-Ausweis in Kreditkartenformat in Safi Ullahs Briefkasten. Freude weicht der Erleichterung, denn so lässt sich auch einfacher eine neue Arbeitsstelle finden. Das Arbeitsverhältnis im Ausbildungsbetrieb wurde aus wirtschaftlichen Gründen kurz zuvor beendet. Es gilt also, Bewerbungen zu schreiben, was so manchen mit Deutsch als Muttersprache ins Schwitzen bringen kann. Wir vereinbaren ein Treffen, um die Bewerbungsunterlagen zusammen durchzugehen. Es ist ein Wiedersehen nach einem Jahr und noch genau gleich breitet sich rasch diese betriebsame Arbeitsatmosphäre aus. Als am Ende des Nachmittags drei Couverts mit den aufrichtigen Worten Safi Ullahs im gelben Briefkasten landen, verabschieden wir uns zufrieden. Auf ihn ist Verlass und mit dem mir vertrauten sanften Händedruck verspricht er dranzubleiben. So wie bisher.

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