Quelle: skyword.com

Die Berufsfelder für ehemalige Studierende der Geisteswissenschaften sind oft weniger naheliegend, als man denkt. In unserer modernen, immer digitaler werdenden Welt ist diese Studienrichtung aber nach wie vor gefragt. Geisteswissenschaftler fassen langfristig nach möglichen Startschwierigkeiten gut Fuss auf dem Arbeitsmarkt.

„Und was willst du denn später genau damit machen?“ Eine Frage, welche so einige Studierende der Geisteswissenschaften aus ihrem Umfeld zu hören bekommen. Wo arbeiten ausgebildete Ägyptologen, Philosophen oder Ethnologen? Auf diese Frage folgen oft ratlose Gesichter. Das Problem beginnt oft schon damit, dass Bedeutung und Leistung der Geisteswissenschaften für viele nicht direkt sichtbar sind.

Zu den Geisteswissenschaften wird eine grosse Anzahl an verschiedenen Studienfächern gezählt. Sie umfassen die Bereiche aus den Sprach- und Literaturwissenschaften, Religionswissenschaften und Sozialwissenschaften. Auch die Teildisziplinen aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften wie zum Beispiel Geschichte, Ethnologie oder Geschlechterforschung gehören dazu.

Die verschiedenen Einzeldisziplinen, welche unter dem Sammelbegriff der Geisteswissenschaften zusammengefasst werden, haben vor allem eines gemeinsam: Aus unterschiedlichen Perspektiven beschäftigen sie sich mit kulturellen, sprachlichen, historischen und sozialen Phänomen der Gesellschaft. Im Zentrum der Geisteswissenschaften stehen der Mensch, sein Denken, sein Handeln und sein Verhältnis zur Welt.

Die Metapher des Elfenbeinturms

Das Klischee des weltabgewandten Gelehrten, der sich in der geistigen Abgeschiedenheit des Elfenbeinturms einzig seiner Wissenschaft widmet, wird im Zusammenhang mit den Geisteswissenschaften häufig genannt. Dabei sind die Geisteswissenschaften alles andere als weltabgewandt. Im Gegenteil: Sie beziehen sich oft sehr direkt auf unsere gesellschaftliche Realität und setzen sich intensiv mit ihr auseinander. Die Hauptaufgabe der Geisteswissenschaften besteht darin, Wissen über unsere Welt herzustellen, zu bewahren und zu deuten. Eine Leistung, welche für die Entwicklung unserer Gesellschaft unverzichtbar ist.

Die Geisteswissenschaften analysieren unsere Gesellschaft und tragen dieses Wissen an die Öffentlichkeit. Sie stellen durch das Sammeln und Interpretieren von Daten beispielsweise fest, dass an unseren Schulen die Computerfähigkeiten zu wenig gefördert werden und machen auf dieses Defizit unseres Bildungssystems und die damit verbundenen Folgen aufmerksam. Die Gesellschaft kann dann auf einen solchen Impuls reagieren, indem sie zum Beispiel politische Massnahmen zur Förderung des Informatikunterrichts an Schulen trifft.

Ein hartnäckiges Klischee: Der Gelehrte, der sich in Abgeschiedenheit von der Welt seiner Wissenschaft widmet.
Bildquelle: Rembrandts „Der Philosoph“, www.zeno.org.

Laut Walter Leimgruber, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel und Professor der Kulturwissenschaft und Europäischen Ethnologie, ist die Selbstreflektion über die eigene Gesellschaft eine zentrale Aufgabe der Geisteswissenschaften: „Die Geisteswissenschaften halten der Gesellschaft einen Spiegel vor, in welchem sie sich in ganz vielen Facetten betrachten kann. Diesen Blick in den Spiegel brauchen wir: Denn nur so können wir uns vergewissern, wer wir sind und wo wir stehen.“

Vielseitige Grundkompetenzen im Studium

Unabhängig von der jeweiligen Fachrichtung eignen sich Studierende der Geisteswissenschaften eine Reihe von wichtigen Grundkompetenzen an, welche für ihre spätere berufliche Laufbahn entscheidend sind. Sie lernen Wissen aufzubereiten, zu verknüpfen, kritisch zu betrachten und zu deuten. Laut Walter Leimgruber lernen sie vor allem auch, die richtigen Fragen zu stellen. Sie lernen, wie man Texte deutet, Bilder interpretiert, Befragungen durchführt, Daten aufbereitet und so Antworten findet. Die Studierenden besitzen die Fähigkeit, aus dem gesammelten Material mögliche Interpretationen über das Funktionieren unserer Gesellschaft anzustellen.

Diese Interpretationen erfolgen oft aufgrund hochspezialisierten Wissens. „Die Studierenden sind in der Lage, dieses Wissen auch für ein Publikum verständlich und zugänglich zu machen“, betont Walter Leimgruber. In diesem Sinne sind die Studierenden auch Übersetzer: Sie können kompliziertes Fachwissen verstehen und auch selbst herstellen. Sie sind aber auch fähig, dieses Wissen so zu übersetzen, damit es von allen verstanden werden kann.

Eine grosse Auswahl an Berufsfeldern

Studierenden der Geisteswissenschaften steht eine Vielzahl von Berufsfeldern offen. Nur ein sehr kleiner Anteil der Absolventinnen und Absolventen bleibt nach dem Abschluss in der Wissenschaft. Ein Teil der Studienabgängerinnen und Studienabgänger arbeitet später in spezialisierten Fachgebieten, wie zum Beispiel in Archiven oder Museen. Viele sind auch im Bildungsbereich tätig und unterrichten an Sekundarschulen oder Gymnasien. Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind auch überall dort anzutreffen, wo Kommunikationsfähigkeiten im Vordergrund stehen. Die Medien stellen deshalb ein zentrales und beliebtes Berufsfeld dar.

Ein grosser Teil der Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler findet sich laut Walter Leimgruber überall dort, wo über die Gesellschaft nachgedacht wird. Viele Firmen stellen Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler wegen ihren kommunikativen, analytischen und koordinativen Fähigkeiten an. „Auch in Banken oder Pharmafirmen, wo zum Beispiel Länder, Gefahren oder Regionen analysiert werden, sind Geisteswissenschaftler angestellt“, erklärt Walter Leimgruber. Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind Generalisten und deshalb vielseitig einsetzbar. Laut Walter Leimgruber werden sie vor allem auch dort eingesetzt, wo viele Spezialisten aufeinandertreffen, zum Beispiel in Generalsekretariaten, Thinktanks, Verwaltungen oder bei der Koordination von Forschungsteams.

Startschwierigkeiten bei der Jobsuche

Viele der Berufsfelder richten sich nicht explizit an Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler, weshalb der Berufseinstieg nach dem Studium oft länger dauert. Eine Studie des Bundesamtes für Statistik zur Arbeitssituation von Hochschulabsolventen bestätigt dies. Laut der Studie gaben 58 % der befragten Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler an, bei der Stellensuche nach dem Abschluss Schwierigkeiten gehabt zu haben.

Die Studie zeigt jedoch, dass Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler trotz diesen anfänglichen Startschwierigkeiten schlussendlich auf dem Arbeitsmarkt gut Fuss fassen. Die Erwerbslosenquote liegt ein Jahr nach dem Abschluss noch bei 8.5 %. Vier Jahre später sinkt sie jedoch auf 2.8 % und liegt damit sogar unter der Erwerbslosenquote der Naturwissenschaftler von 3.8 %.

Erwerbslosenquote von Masterabsolvent/innen ein Jahr und fünf Jahre nach dem Studienabschluss.
Quelle: Bundesamt für Statistik: Befragung von Hochschulabsolvent/innen, Erst- und Zweitbefragung, Kohorte 2008.

Zukunftsweisende Querdenker

Aktuelle Themen wie Globalisierung, Migration und Digitalisierung werfen neue Fragen und Probleme auf, über welche wir nachdenken müssen. Die Geisteswissenschaften liefern dazu wichtige Impulse und Lösungsvorschläge, welche manchmal auch irritieren können. Dass Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler mit ihren Ideen anecken, sieht Walter Leimgruber positiv: „Äussert sich der Vorwurf, dass das doch alles verrückte Ideen sind, denke ich: Ja hoffentlich! Nur so können wir neue Alternativen und Modelle entwickeln“.

In der Geschichte gab es immer wieder Geisteswissenschaftler, welche mit ihren Ideen provozierten, für die gesellschaftliche Entwicklung jedoch wegweisend waren, erklärt Walter Leimgruber.

Im Zeitalter des Absolutismus beispielsweise, als die Kirche die Politik bestimmte und man annahm, der König sei von Gott eingesetzt, gab es Geisteswissenschaftler, welche sich für Demokratie, Gleichheit und politische Verantwortung einsetzten. Aus heutiger Sicht werden diese Werte nicht hinterfragt. Im Absolutismus waren diese Ideen jedoch sehr provokativ, viele der querdenkenden Geisteswissenschaftler wurden damals als Ketzer und Spinner bezeichnet und nicht selten auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

„Die Spinner von damals lieferten uns wichtige Ideen, auf die wir uns heute berufen und auf denen wir unsere Gesellschaft begründen“, erklärt Walter Leimgruber. Auch in unserer modernen Welt muss sich die Gesellschaft fragen: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Wo äussern sich Probleme? Für die Beantwortung dieser Fragen brauchen wir die Geisteswissenschaften.

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