Die Jugendlichen von heute sind doch ständig nur am Handy – so ein weitverbreiteter Glaube. Um zu erfahren, was es mit diesem Klischee auf sich hat, habe ich mit 15 Jugendlichen das Gespräch gesucht. Was bei diesen Unterhaltungen herausgekommen ist, überrascht und erfreut zugleich.

Wenn du an der ZHAW studierst und das liest, darfst du dich höchstwahrscheinlich zu der letzten Generation zählen, die noch im analogen Zeitalter aufwachsen durfte. Als Kinder spielten wir wortwörtlich im Dreck: Ich erinnere mich, wie ich einmal meinen gefesselten Bruder aus dem angrenzenden Territorium der verfeindeten Nachbarskinder gerettet habe. Der weinende 4-Jährige und ich durchquerten damals ohne jegliche digitale Verbindung zu unseren Stammesältesten ein Stück Wald. Dann stapften wir mitsamt Strümpfen und Schuhen durch eine Sumpflandschaft und kamen schliesslich am Ende unserer Kräfte bei unserer besorgten Mutter an – die uns unser unreines Erscheinungsbild verzieh, da sie einfach froh war, dass wir noch lebten.

Als wir in die Schule kamen, mussten wir uns eigenständig auf Erkundungsreise machen, wenn wir etwas wissen wollten. Wir mussten in echte Bibliotheken reingehen, die richtige Abteilung suchen und das entsprechende Buch ausfindig machen.

Und später, als wir in die Schule kamen, mussten wir uns eigenständig auf Erkundungsreise machen, wenn wir etwas Bestimmtes wissen wollten: Wir mussten in echte Bibliotheken reingehen, die richtige Abteilung suchen und das entsprechende Buch ausfindig machen. Stand dort nicht drin, was wir wissen wollten, kam das nächste Buch an die Reihe, bis wir unsere Antwort hatten; oder wir fragten Eltern, Lehrer – redeten mit Menschen, um uns Wissen anzueignen.

Antwort per Mausklick

Heute ist das anders. Wir suchen nach «Lebenserwartung Schildkröte» und Google spuckt in 0,57 Sekunden 10‘800 Ergebnisse aus, die uns detaillierte Antworten geben. Die Generation, die heute aufwächst, hat es viel einfacher als wir damals, könnte man meinen. Sie findet Antworten schneller und einfacher. Sie kann sich zum Spielen mit immer wieder neuen Leuten im Virtual Space verabreden und aus einer schier endlosen Auswahl an Online Games auswählen, während wir noch mühsam Geburtstag für Geburtstag unsere Zehnernötli zusammenkratzten, um uns schliesslich mal was richtig Grosses – Walkie Talkies – zu kaufen. Die Jugend von heute weiss hingegen nicht mehr, was es heisst, sich für etwas anzustrengen, oder auf etwas zu warten – so meine Befürchtungen. Sind die Erwachsenen der Zukunft also hoffnungslos verloren?

Die Jugend von heute weiss nicht mehr, was es heisst, sich für etwas anzustrengen, oder auf etwas zu warten – so meine Befürchtungen. Sind die Erwachsenen der Zukunft also hoffnungslos verloren?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mich für einmal nicht auf Google verlassen, sondern 15 Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren zu ihrem Konsumverhalten in Bezug auf digitale Geräte und ihrer Sicht auf die Welt befragt. Von den sieben männlichen und acht weiblichen Teilnehmern haben 14 ein Smartphone. Gut die Hälfte hat ausserdem schon einen eigenen Laptop oder PC und im Schnitt hat jeder zwei verschiedene Spielkonsolen. Im Durchschnitt verbringt jeder täglich zwischen zwei und vier Stunden am Handy. Die meisten der befragten Jugendlichen sind nicht jeden Tag am Computer oder an Game-Geräten – doch wenn sie es sind, verbringen sie durchschnittlich zwischen 0,5 und 3 Stunden damit. Zu den Top 3 der Lieblingsaktivitäten aller Befragten an technischen Geräten gehören Chatten, Gamen und Youtube-Videos anschauen. Die Lieblingsapps der Zwölf- bis Fünfzehnjährigen sind Whatsapp, Snapchat und Musically.

Im Rahmen dieser Mini-Befragung fand ich es sowohl erschreckend als auch faszinierend, dass diese «kleinen Knirpse» über Game-Konsolen verfügen, mit denen ich noch nie gespielt hatte, oder dass sie Apps kennen, von denen ich noch nie gehört habe. Einer der Jungs nannte als seine Lieblingsbeschäftigung an technischen Geräten sogar Programmieren – in mir kam die Vermutung auf, dass die Jugend von heute sich ohne diese ganzen Gadgets wohl gar nicht mehr beschäftigen kann. Doch weit gefehlt – zu ihren nicht-digitalen Lieblingstätigkeiten zählen die Befragten unter anderem Tanzen, Lernen, Kickboxen, Brettspiele, Volleyball spielen und Schwingen.

Wie es die Jugendlichen sehen

Bei der Frage, ob eine Kindheit mit oder ohne digitale Geräte besser sei, scheiden sich die Geister: Sechs Befragte finden, ihre Kindheit sei schlechter, denn alle seien nur am Handy. Man sei zu wenig draussen und allgemein zu faul und zu wenig in Bewegung. Ebenfalls sechs Befragte finden jedoch ihre digitale Kindheit besser, da man jederzeit miteinander kommunizieren könne, immer Ablenkung habe und es sonst langweilig wäre. Die Zeit vergehe schnell und man habe Spass dabei. Nur zwei Jugendliche waren der Meinung, es sei keine Kindheit besser oder schlechter als die andere, denn beide hätten ihre Vor- und Nachteile – jemand wollte sich ganz enthalten.

Zu den Vorteilen ihrer Kindheit zählen die Befragten allgemein: «Man kann chatten», «Man hat Spass», «Wir kommen besser draus und müssen weniger fragen» sowie «schneller Fremdwörter lernen». Eine Person sah in der heutigen digitalen Kindheit und Jugend keinen Vorteil. Zu den Nachteilen einer digitalisierten Kindheit und Jugend zählen sie: «schlechte Augen», «zu wenig Bewegung», «zu wenig draussen», «Suchtgefahr», «aggressives Verhalten» und «schlechte Noten». Wie eine Kindheit vor ihrer Zeit ausgesehen haben könnte, scheinen sich nur wenige vorstellen zu können, nennen sie doch lediglich «keine Verstrahlung», «Man war frei» und «mehr Zeit draussen» als Vorteile einer analogen Kindheit. Ein Nachteil letzterer sticht dagegen klar heraus: «Man musste viel lesen».

Das Beste aus zwei Welten

Am Ende meiner Befragungen musste ich meinen pessimistischen Ausblick auf die Zukunft etwas relativieren. Klar, gerade die Suchtgefahr von digitalen Geräten ist gross und darüber wurde auch schon viel geschrieben. Doch die Gespräche, welche ich mit den Jugendlichen geführt habe, haben mir auch deutlich aufgezeigt, dass die «Digital Natives» es grösstenteils ausgezeichnet verstehen, die Vorzüge der digitalen Welt mit denjenigen der analogen zu verknüpfen. Zwar verbringen sie viel Zeit am Smartphone und müssen nicht mehr den gleichen Aufwand wie frühere Generationen betreiben, um an Informationen zu kommen – doch sie wissen auch klar zwischen virtueller und «echter» Realität zu unterscheiden.

Die Gespräche, welche ich mit den Jugendlichen geführt habe, haben mir aufgezeigt, dass es die «Digital Natives» grösstenteils ausgezeichnet verstehen, die Vorzüge der digitalen Welt mit denjenigen der analogen zu verknüpfen.

Zum Beispiel ziehen sie einen Fussballmatch mit Schulkollegen einem virtuellen Battle mit Unbekannten vor. Deshalb denke ich, dass gewisse Erlebnisse, welche die physische Welt bereithält, nicht durch virtuelle zu ersetzen sind und dies auch nie sein werden. Auch die Erwachsenen der Zukunft werden darum wohl auch immer noch eine echte Begegnung, einen echten Dialog oder eine echte Berührung einem virtuellen Austausch vorziehen. Die Jugend von heute ist Meisterin darin, immer wieder einen gesunden Mittelweg zwischen digital und analog zu finden. Und wenn wir wollen, können wir diese Kunst von ihr lernen und auch für unsere Zukunft erfolgreich nutzen.

Dieser Beitrag ist als Erstpublikation auf brainstorm.vszhaw.ch erschienen.

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