So beeinflusst der Wandel im Schweizer Arbeitsmarkt das Bildungssystem

Interview zur Tertiarisierung Teil 1

In den letzten Jahren ist der Dienstleistungssektor in der Schweiz angewachsen, wie das auch in anderen postindustriellen Ländern passiert. Prof. Dr. Philipp Gonon, Lehrstuhlinhaber für Berufsbildung und Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich, erklärt, was das für das Schweizer Bildungssystem bedeuten kann.

Zwischen 1998 und 2009 wuchs die Anzahl Stellen im Dienstleistungs- bzw. tertiären Sektor des Schweizer Arbeitsmarkts um 15 Prozent, während die Stellenentwicklung in Industrie und Gewerbe stagniert hat, und der Trend scheint sich weiter fortzusetzen. In dem Buch «Herausforderungen für die Berufsbildung in der Schweiz», das Philipp Gonon zusammen mit seinem Kollegen Markus Maurer herausgegeben hat, bezeichnet Maurer diese Entwicklung in einem Abschnitt als Tertiarisierung des Arbeitsmarkts. Daraus folge, laut den Autoren, ein grösserer Bedarf an Fachkräften; Maurer spricht auch von Fachkräftemangel.

Faktisch sind verschiedene Ausbildungen selten gleichwertig.

Herr Gonon, denken Sie, dass die Berufsbildung diesen Fachkräftemangel selbst auffangen kann?
Ich würde sagen, die Berufsbildung kann den Fachkräftemangel nur zum Teil auffangen. Das hängt vielleicht noch mit etwas Anderem zusammen, nämlich damit, dass die Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit, auch nach akademischem Wissen oder wissenschaftlich-methodischem Können eine Rolle spielt. Das wird so von den Betrieben nachgefragt. Ich kann mir zwar vorstellen, dass die Berufsbildung einen Teil davon abdeckt. Oder vielleicht die Voraussetzung dafür schaffen kann, für diejenigen, die den Weg über die Berufsbildung und danach zu den Fachhochschulen finden. Da ist das möglich, dass man einen Teil abdecken kann. Aber die Berufsbildung kann es eben nur zum Teil.

Das führt uns gleich zur nächsten Frage: Welche Rolle kommt bei dieser Ausbildung von Fachkräften der Berufsmatura zu?
Der Berufsmatura kommt aus meiner Sicht strategisch eine wichtige Rolle zu. Vor allem was die technische und kaufmännische Berufsmatura und die Pflege betrifft. Aber ich würde sagen, es ist eines der heutigen Probleme, dass die Berufsmaturität auf einem gewissen Niveau stagniert. Da müsste man noch ausbauen . Man sieht auch, dass die technische Berufsmaturität etwas stagniert, und zwar genau in den Bereichen, wo eigentlich Fachkräftemangel diagnostiziert wird. Ich nenne das Stichwort MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Da passiert zu wenig.

Diese Bereiche könnte man mehr fördern?
Genau.

In einem von Ihnen verfassten Abschnitt des Buchs zitieren Sie die Aussage des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie von 2007, dass Berufsmatura und gymnasiale Matura gleichwertig seien. Würden Sie selbst dieser Aussage zustimmen?
Das ist natürlich eine stark politische Diskussion, was Gleichwertigkeit bedeutet. Es gibt für beide Varianten gute Möglichkeiten. Ich finde, diese Diskussion mit «Gleichwertig, aber andersartig» ist eine politische Diskussion, die eigentlich wenig darüber aussagt, was das inhaltliche und fachliche Wissen tatsächlich ausmacht. Da gibt es eine Differenz.

Junge Menschen sollten darauf vertrauen, dass man sich mit einer guten Ausbildung im Arbeitsleben behaupten kann.

Würden Sie die Berufsmatura und die gymnasiale Matura in diesem Fall nicht als gleichwertig betrachten?
Faktisch sind verschiedene Ausbildungen selten gleichwertig. Politisch und ordnungssystematisch ordnet man sie als gleichwertig ein. Das sind aber rein politische Entscheidungen.

Braucht es Ihrer Meinung nach mehr Gymnasiumsabsolventen gegen den Fachkräftemangel, oder sehen Sie einen anderen, besseren Weg?
Man sollte die Gymi-Quoten sicher nicht senken, was sich zum Teil ja einzelne Kantone überlegen oder auch schon machen. Die Quote muss mindestens stabil bleiben. Eigentlich müsste sie auch ansteigen. Wir haben in einigen Bereichen schlicht und einfach zu wenige Leute, die eine gymnasiale Matura haben. Nehmen wir das Stichwort Medizin, also im Gesundheitsbereich. Es gibt Bereiche in Informatikberufen, wo Maturitätsquoten ruhig etwas höher liegen dürften. Die Quote sollte nicht massiv ansteigen, da würde ich auch Skepsis anmelden, aber sie sollte ein bestimmtes Niveau haben, und sie sollte sicher nicht reduziert werden.

Was würden Sie einem jungen Menschen mit auf den Weg geben, der neu in den Arbeitsmarkt eintreten will?
Eigentlich das, was alle sagen (lacht). Man sollte sich weiterbilden und nicht auf dem Stand bleiben, wo man bereits ist. Aber das ist inzwischen sowieso, sagen wir einmal, Mainstream. Die jungen Leute sollten vielleicht auch den Mut haben, neue Wege auszuprobieren, gerade was digitale Kenntnisse und Ähnliches betrifft. Und sie sollten darauf vertrauen, dass man sich mit einer guten Ausbildung im Arbeitsleben weiterentwickeln und behaupten kann.

Prof. Dr. Philipp Gonon (Quelle: UZH)

Nach seinen Abschlüssen in Journalistik und Pädagogik in der Schweiz und in Deutschland war Philipp Gonon als Berufsschullehrer und wissenschaftlicher Assistent in der Schweiz tätig. Er besuchte zwischenzeitlich London als Gastdozent und habilitierte schliesslich in Bern. Nach einer Professur für beruflich-betriebliche Weiterbildung in Trier kam Herr Gonon nach Zürich, wo er heute Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaften ist.

Quellen: Maurer, Markus und Gonon, Philipp (Hg.): Herausforderungen für die Berufsbildung in der Schweiz. Bestandesaufnahme und Perspektiven, Bern 2013.