Von Journalismus über Finanzen in die Townships

Porträt

Wenn alles läuft wie geplant, wird Katharina Kneip im Sommer ein Praktikum in den südafrikanischen Townships machen, wo sie die Entscheidungsfindung traumatisierter Personen erforscht. Wie es dazu kommt? Sie hat‘s uns erzählt.

„Ursprünglich wollte ich Journalistin werden. Wir hatten früher ein Internet-Journal, bei dem ich ab und zu geschrieben habe. Das war noch zu Teenie-Zeiten, so mit sechzehn.
Ich wollte im Journalismus tätig sein, um Einfluss auf die Welt zu nehmen. Als Kind lebte ich vier Jahre in Westafrika, das war ein wichtiges Erlebnis für mich. Von dort sind mir Fragen hängen geblieben: Wieso gibt es Krieg? Wieso gibt es Armut? Wieso gibt es so viele Menschenrechtsverletzungen? Das faszinierte mich und ich beschloss, Menschenrechtsanwältin zu werden, und schrieb mich für Jus in Bern ein.
Ich habe dann aber gemerkt, dass ich drei Jahre das Rechtssystem der Schweiz studieren muss, wobei internationales Recht auf Verträgen und nicht auf Gesetzen basiert, das sind ganz andere Systeme. Zudem fehlte mir die Inspiration bei den Mitstudenten. Es ging oft um Geld und Status. Dinge, die bei mir einen anderen Stellenwert hatten. Geld ist etwas, das kommt und geht, und ich will nicht meine Ziele danach ausrichten.
In den Sommersemester-Ferien arbeitete ich in einem Surfcamp und als ich zurückkam, war mir klar: Ich musste was ändern. Ein paar Tage zuvor führte ich ein Gespräch mit einer Kollegin, die von Zürcher Studenten erzählte, die Vorlesungen besuchten über internationale Beziehungen und so. Genau die Dinge, die mich interessierten. Ja, was studieren die denn? „Politikwissenschaften“ sagte sie.

Es war eine spannende Zeit für mich, die mir zeigte, dass Fachwissen allein nicht immer das Wichtigste ist.

Das Studium der Politikwissenschaften stellte sich als vielseitig und spannend heraus, und ich konnte mich auf ein internationales Feld spezialisieren. Nach dem Bachelor ging ich für etwa drei Monate in die Karibik zum Kitesurfen. Dort, an diesem Spot, kam der Wind immer erst um ein Uhr mittags. Also stand ich morgens auf, frühstückte gemütlich am Pool und schrieb an einer Forschungsarbeit über Frauen im IS, die ich dann an einer internationalen Forschungskonferenz präsentieren konnte und die danach in einem wissenschaftlichen Journal publiziert wurde.
In der Karibik an einer Arbeit zu schreiben, zeigte mir, dass ich den Sport, den ich so liebe, mit Forschung tatsächlich vereinen kann. Surfen und Sport allgemein gibt mir Kraft und Energie, die ich dann wieder in die Forschung investieren kann.
Zurück in der Schweiz hatte ich keine Lust, gratis ein Praktikum zu machen. Ich wollte irgendwo arbeiten, wo ich Verantwortung und Herausforderungen hatte, etwas bewirken und Geld verdienen konnte, damit ich während meines geplanten Masterstudiums in Schweden nicht nebenbei noch arbeiten musste, so wie ich es das ganze Bachelorstudium hindurch tun musste. Über einen Kontakt kam ich zu einer Stelle in einer Task-Force der Credit Suisse.

Fun Fact über Katharina: Sie ist Yogalehrerin und Hulatänzerin
Instagram: @kitesurfingkat

Es war eine spannende Zeit für mich, die mir die Augen öffnete und zeigte, dass Fachwissen allein nicht immer das Wichtigste ist. Man kann sich auch ohne entsprechendes Wissen und ohne Erfahrung, aber mit genug Motivation und harter Arbeit in völlig neue Gebiete einarbeiten. In einem Umfeld, welches Mitdenken, Verbesserungsvorschläge und Prozessoptimierung begrüsst, ist eine steile Karriere möglich –  wenn man Eigeninitiative zeigt. Nach einigen Monaten konnte ich das Team übernehmen und habe zusätzlich die Chance genutzt, eine Projektmanager-Ausbildung abzuschliessen und nebenbei an Forschungsarbeiten zu schreiben. Ich habe ungefähr eineinhalb Jahre bei der Credit Suisse gearbeitet und mich dann entschieden, meinen Traum, eine eigene NGO zu gründen, zu verfolgen. Doch zuerst wollte ich noch einen Politik-Master in Schweden machen.

Mehrere Köpfe sind besser als einer alleine.

An einer Forschungskonferenz habe ich vor Kurzem einen Professor aus Holland getroffen, der darüber informiert hat, wie Neurowissenschaften in die Politikwissenschaften, insbesondere in die Entscheidungsfindung, hineinspielen können. Es war für mich wie das Puzzlestück, nach dem ich gesucht hatte.
Der Professor hat erklärt, dass Entscheidungen hauptsächlich durch das emotionale Denken beeinflusst werden. Ich hatte eine Idee und habe weitergeforscht: Traumatisierte Menschen, die also unter emotionalem Stress stehen, haben Mühe damit, Entscheidungen zu treffen, die ihre Zukunft positiv beeinflussen. Beispielsweise, dass sie nicht mehr auf ihre Gesundheit achten oder sie ihren Lohn lieber bar auf die Hand haben, statt ein paar Monate später, dafür mit Zinsen. Im September gehe ich nun für ein Jahr nach Südafrika, um dies in Zusammenarbeit mit einer NGO, die Vergewaltigungsopfer in den Townships rund um Kapstadt betreut, zu erforschen.

Ich glaube, die beste Entscheidung, in meiner Ausbildung, war mein Erasmus-Jahr in Schweden. Dort habe ich gemerkt, dass es auch andere Arten von „Studieren“ gibt. Es ist weniger kompetitiv als in Zürich. Klar, wir pushen uns auch hier, aber in Schweden herrscht die Idee, dass mehrere Köpfe besser sind als einer alleine: Anstatt gegeneinander anzutreten, unterstützt und motiviert man sich gegenseitig, da entstehen Projekte, die Unglaubliches erreichen – und in solchen Projekten möchte ich mitwirken!“

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