«Ich halte nichts vom heutigen Bildungssystem.»

Interview

Technische Innovationen verändern unsere Welt inzwischen tagtäglich. Dadurch ist auch die Gesellschaft in einem Umbruch. Die Wirtschaft ist im Wandel und auf dem Arbeitsmarkt werden andere Kompetenzen erforderlich. Kann unser Bildungssystem bei diesem Tempo noch mithalten? Dr. Christoph Schmitt, Coach und Bildungsdesigner am Zentrum für Lernen und Lehren an der Hochschule Luzern und einer der grössten Kritiker des Schweizer Bildungssystems, hat eine Antwort.

Herr Schmitt, die Welt verändert sich heute sehr schnell. Kann das Bildungssystem mithalten?
Nein. Ich halte nichts vom heutigen Bildungssystem. Das Bildungssystem ist eines der ältesten, stärksten und grössten Systeme unserer Gesellschaft und dadurch auch eines der beharrlichsten. Dieses System wird immer alle Energie darauf verwenden zu bleiben, wie es ist. Darum wird sich das Bildungssystem niemals diesem Tempo anpassen können. Es wird irgendwann in sich zerfallen und abgelöst werden durch Alternativen.

Ist unser heutiges Bildungssystem Ihrer Meinung nach nicht mehr der Zeit angepasst.
Nein, weil das Bildungssystem versucht, die Zeit an sich anzupassen. Es sollte genau umgekehrt sein. Das Bildungssystem sagt, was Sache ist. Das Bildungssystem entscheidet durch Prüfungen, Zertifikate, Diplome, wer was tun kann. Die Schule und das Bildungssystem verändern sich solange nicht, bis sie von der Gesellschaft einen anderen Auftrag erhalten. Und im Moment lassen alle die Finger vom Bildungssystem. Es hat von der Gesellschaft immer noch denselben Auftrag wie 1990, 1970 oder 1950 und solange es diesen Auftrag hat, wird es ihn erfüllen. Es werden ganz viele Menschen um ihre Zukunftschancen betrogen, weil die Schulen eben nicht junge Menschen auf die digitale Transformation vorbereiten.

In Anbetracht der Tatsache, dass das Bildungssystem seit einer so langen Zeit überlebt hat, könnte das doch auch bedeuten, dass es gut funktioniert.
Je besser es uns geht, desto dreckiger geht es dem Rest der Welt. Und dazu hat unser Bildungssystem geführt. Wenn ich mir zum Beispiel den ökologischen Supergau auf unserem Planeten anschaue. Das exportieren wir alles über CO2 Abgaben. Wir exportieren die niedrige Arbeit, wir exportieren die Umweltverschmutzung, wir exportieren eigentlich alles. Und damit das funktioniert, haben wir Bildung. Das Bildungssystem reproduziert diese Kultur. Für Lesen, Schreiben und Rechnen brauchen wir kein Bildungssystem. Das Bildungssystem funktioniert schon, aber es reproduziert eine Kultur, die diesen Planeten an die Wand fährt. Unser medizinisches System produziert mindestens so viel Kranke wie Gesunde. Wenn unser Bildungssystem so genial ist, warum haben wir denn all diese Probleme?

Dr. Christoph Schmitt berät als Coach & Supervisor Einzelpersonen wie auch Unternehmen in Bezug auf die Digitalisierung. Auf seiner Website Bildungsdesign erfährt man mehr über ihn und seine Arbeit. Er ist 54 Jahre alt und kommt aus Baar.

Denken Sie, die ganzen Probleme dieser Welt liegen am Bildungssystem?
Ja, natürlich. Man hört immer wieder, es sei eine Überforderung des Bildungssystems. Es komme ja auch auf die Peergroups und die Eltern und das soziale Umfeld an. Aber all diejenigen waren auch in der Schule. Das heisst, wir haben nur ein System in der Gesellschaft, das die Kultur reproduziert. Sie lernen durch die Schule, was in der Gesellschaft wünschenswert ist. Durch den Kindergarten, die Grundschule, die Sekundarschule, die Matura. In jedem dieser Systeme werden sie programmiert. Bildung und Erziehung programmieren die Gesellschaft.

Welche Fähigkeiten brauchen die Menschen ihrer Meinung nach in der «neuen Welt»?
Die Welt wird unvorhersehbar, extrem überkomplex und total mehrdeutig. Man muss die Kompetenzen erlernen, die helfen sich in dieser Welt zurechtzufinden. Was wir heute brauchen, ist die Fähigkeit, schnell umzulernen. Wir müssen bereit und neugierig und lustvoll sein, etwas Neues zu lernen, weil wir nicht wissen, womit wir in 10 Jahren unser Geld verdienen. Wir müssen den Jungs und Mädels, die von der Schule kommen, irgendetwas anbieten, denn sie können das, was sie können müssten, nicht. Wie zum Beispiel im Team zu arbeiten, individuelle Aufgaben zu finden, kreativ sein, eine soziale Bedeutung zu erlangen, die Natur anzuerkennen, Computer zu programmieren oder Gemeinschaften zu bilden.

Sie erwähnten, dass momentan alle die Finger vom Bildungssystem lassen. In vielen anderen Bereichen lassen sich kleine Revolutionen und neue Innovationen beobachten. Findet man das im Bildungssystem gar nicht?
Nein. Menschen, die heute an Schulen etwas Innovatives machen, sorgen nicht dafür, dass das System sich ändert. Für den Fall, dass sie nicht von Anfang an vom System ausgespuckt werden, dann werden sie von ihm geduldet. Eine deutsche Studie besagt, dass 75 % aller Lehrer und 80 % der Schulleiter nicht daran glauben, dass die Digitalisierung beim Lernen helfen kann. Lehrer und Schulen gehen davon aus, wenn niemand lehrt, dann lernt auch niemand. Das ist ein Menschenbild des 19. Jahrhunderts, der industriellen Revolution: Der Mensch, der kontrolliert werden muss und nur dann etwas tut, wenn jemand mit der Peitsche hinter ihm steht. Und das ist falsch von A-Z.

Was ist der Grund dafür, dass es keine Innovationen im Bildungssystem gibt?
Sie können heute nur erfolgreich mitgestalten, wenn sie verstanden haben, dass Macht, Einfluss und Mitgestaltung nur noch über das Netzwerk-Prinzip funktionieren. Und Schulen funktionieren nicht über Netzwerke. Sie sind abgeschottet von anderen Systemen.

Was wären denn Ihre Vorschläge, um etwas zu verbessern?
Das Bildungssystem zwar nicht abschaffen, aber systematisch auslaufen lassen. Anstatt ins Bildungssystem sollte man in Alternativen investieren, die nach den Prinzipien laufen, die meiner Meinung nach wichtig sind: Netzwerk, Plattform, Kollaboration. Die Schule einfach auslaufen lassen, aber gleichzeitig möglichst rasch kollaborative, offene und stark vernetzte Lernnetzwerke erschaffen. Lernnetzwerke sind echte Communities, die sich durch die Aktivitäten der Community-Mitglieder miteinander vernetzen. Ein Netzwerk funktioniert nur, wenn jeder einzelne Partner es befeuert, indem er es nutzt, kuratiert, entwickelt, füttert und erweitert. Das ist momentan schon überall am entstehen. Es gibt eine starke Tendenz dazu nicht mehr an einem fixen Arbeitsplatz zu arbeiten. Vielleicht organisieren wir uns in Zukunft selber mit unseren Kindern. Es gibt mittlerweile ganz viele Projekte, die sich genossenschaftlich organisieren und auch eigene KITAs und Kindergartenstrukturen aufbauen.

Lernnetzwerke könnten eine Alternative sein, die sich längerfristig entwickelt. Gibt es auch kurzfristige Alternativen?
Eigeninitiative ergreifen. In Zukunft werden wir immer stärker selber schauen müssen, wo und wie wir uns holen, was wir brauchen. Was den wenigsten Menschen im Moment klar ist, ist dass es schon alles gibt. Egal, um was es geht: Melken lernen, Videoschnittprogramme lernen, minimalinvasive Operationen – es ist alles im Netz. Jetzt ist nur die Frage, wie wir das organisieren und welche Form von Begleitung wir brauchen, um damit klarzukommen. Das einzige, wofür wir die Schule heute noch brauchen, ist damit wir ein Diplom in der Hand haben.

Was machen Sie persönlich, um das Bildungssystem abzuschaffen?
Meine Möglichkeiten als einzelner Mensch sind beschränkt. Ich kann den Menschen im Gespräch Mut machen, die eigenen Kompetenzen zu finden und Selbstvertrauen zu entwickeln, sich selber zu helfen und mutig zu werden im Angesicht dieser brutalen Herausforderung der digitalen Transformation.

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