«Durch den Lockdown wurde endlich die Bedeutung des digitalen Lernens auch für die Primarstufe erkannt»

Als Primarlehrerin und Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) kennt Dagmar Rösler das Schweizer Bildungssystem gut. Mit uns spricht sie über bevorstehende Veränderungen im Beruf der Lehrperson im Hinblick auf die Digitalisierung und wie Politik und Wirtschaft dabei unterstützen können.



Wie entwickelt sich der Beruf der Lehrperson?

Was vor Kurzem noch in weiter Ferne zu liegen schien, hat innerhalb von wenigen Wochen reale Formen angenommen. Seit dem Lockdown vom 16. März hat nun auch die Volksschule vermehrt auf digitales Lernen umgestellt und – wo nicht bereits installiert – haben Onlineplattformen Einzug gehalten – im Fernunterricht.

Dank diesem Ruck wurden nun auch auf Primarstufe die Vorteile des digitalen Lernens und die Verbindung mit herkömmlichen Lernmethoden erkennbar. Dieser Kombination sagt man «Blended Learning». Ich denke, dass genau das die Zukunft des Lehrberufs in den nächsten Jahren stark prägen wird. Digitales und analoges Lernen, das sich gegenseitig ergänzt und bereichert. Lehrerinnen und Lehrer müssen in Zukunft entsprechend ausgebildet werden, um diese beiden anspruchsvollen Unterrichtsmethoden zu beherrschen und miteinander zu verbinden.

«Digitales und analoges Lernen, das sich gegenseitig ergänzt und bereichert.»

Was wird sich im Berufsalltag verändern?

Der Unterricht wird vermehrt auch durch digitale Tools angereichert oder ergänzt werden. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass die kreativen Fächer sowie die Softskills wieder an Bedeutung gewinnen werden – das hoffe ich auch insgeheim. Denn in Zukunft wird von heranwachsenden Menschen wieder vermehrt Kreativität, soziale Intelligenz, Teamfähigkeit, Fantasie und gute Kommunikation verlangt. Darauf müssen die Schulen reagieren und mit ihnen auch die Ausbildungsstätten von Lehrerinnen und Lehrern.

Welche sind die grössten Herausforderungen, die auf den Beruf zukommen? 

Das kommt auch ein bisschen darauf an, welche Anforderungen weiterhin an den Beruf und an die Schule im Allgemeinen gestellt werden.Bei den Kleinen wird die zunehmende Digitalisierung in einem anderen Sinn eine Herausforderung werden. Bewegungsmangel, fehlende Anregungen daheim und mangelnde soziale Kompetenzen beeinflussen schon seit jeher die Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern. Ich gehe davon aus, dass dies noch weiter zunehmen wird.

Eine weitere Herausforderung wird sein, dass sich Lehrerinnen und Lehrer damit auseinanderzusetzen haben, wie viel Digitalisierung nötig und richtig ist, wo aber auch die Grenzen gesetzt werden müssen. Nach wie vor sind haptische Erfahrungen, soziale Kontakte, Beziehung und der direkte Umgang miteinander zentrale Elemente für unser Wohlbefinden. Das wird sich auch in einer stark digitalisierten Welt nicht verändern. Die Schule wird da eine wichtige Rolle spielen, ein gesundes Gleichgewicht herzustellen – nebst dem Elternhaus natürlich.

Was wird die Digitalisierung in der Zukunft noch verändern?

Das kommt auf das Alter der Schülerinnen und Schüler an. Im ersten und zweiten Zyklus der Primarstufe wird, wie schon gesagt, die Digitalisierung unterstützend und bereichernd, aber auf keinen Fall ersetzend wirken.

Je älter die Schüler werden, desto mehr werden digitale Technologien ihren Einsatz im Unterricht und im Lernen zu Hause haben. Die aktuelle Schliessung der Schulen hat zum Vorschein gebracht, was möglich ist auf digitaler Ebene. Sie hat uns aber auch gezeigt, dass der Präsenzunterricht dadurch nicht ersetzt werden kann.

Was können die Wirtschaft und die Politik machen, um beim Prozess der Veränderung zu unterstützen?

«Die Lösung der Probleme unserer Gesellschaft einfach den Schulen zu überlassen, greift zu kurz.»

Gut ist immer, wenn man weiss, wovon man spricht und gefährlich ist, wenn man weitgreifende Entscheide fällt, mit dem Bild der Schule vor Augen, wie man sie noch selber erlebt hat.

Die Bildung kostet, ist in der Schweiz ein wichtiges Gut. Deshalb dient es den Schulen, wenn Wirtschaft und Politik ein konstruktives Verhältnis zu diesen haben und nicht Dinge verlangen, die an der Realität vorbeizielen.

Natürlich muss die Schule liefern und darf man von Lehrerinnen und Lehrern verlangen, dass sie gute, solide Arbeit leisten. Die Lösung der Probleme unserer Gesellschaft aber einfach den Schulen zu überlassen, greift zu kurz. Die Schule braucht Unterstützung aus der Gesellschaft.

Wo sehen Sie Mängel oder Vorteile des Bildungssystems der Schweiz?

«Die Grenzen des Föderalismus sind während des Lockdowns des Bundesrats im März 2020 deutlich geworden.»

Die Vorteile sind vielleicht gleichzeitig auch seine Mängel. Unser föderalistisch aufgebautes Bildungssystem erlaubt es, präzise auf die örtlichen Gegebenheiten einzugehen und massgeschneiderte Lösungen vor Ort zu finden.

Es macht es aber gleichzeitig auch träge. Die Grenzen des Föderalismus sind während des Lockdowns des Bundesrats im März 2020 deutlich geworden. Bei den Schulschliessungen haben alle mitgemacht. Als es darum ging, die Schulen wieder zu öffnen, war die Umsetzung von nationalen Richtlinien schwierig.

In meinen Augen braucht es, bei allem Verständnis für den Föderalismus, wichtige Eckpfeiler, die national geregelt sind. Daran können wir noch arbeiten.

Wie wichtig ist Bildung für Sie und weshalb?

«Bildung ist ja so quasi der Teppich, auf dem wir während unseres Berufslebens stehen.»

Bildung ist für die Zukunft von jungen Menschen zentral. Mit einem Sek II Abschluss steht ihnen in unserem dualen Bildungssystem fast die ganze Berufswelt offen. Das ist ein riesengrosser Vorteil in unserem Land, der aber teilweise noch zu wenig erkannt wird. Eigentlich ist der Zug nie wirklich abgefahren. Man kann sich – sofern man das möchte – immer weiterbilden und weiterkommen – auch wenn man es nicht ins Gymnasium geschafft hat.

Bildung ist ja so quasi der Teppich, auf dem wir während unseres Berufslebens stehen. Wenn Sie nochmals von vorne beginnen könnten, was würden Sie studieren? Und weshalb?

Ich habe ganz sicher den richtigen Beruf gewählt! Vielleicht wäre ich auch glücklich im Journalismus geworden, aber die Arbeit mit den Kindern, diese Lebendigkeit, die Spontaneität, die Begeisterung ist einfach ansteckend und das hat mir immer sehr gefallen. Deshalb würde ich heute, könnte ich nochmals wählen, vermutlich alles nochmals gleich machen.

Wenn Sie einmal bei einer berühmten Person in den Unterricht sitzen könnten, wer wäre es?

Simonetta Sommaruga: weil ich ihre ruhige, unaufgeregte Art sehr mag, und weil man bei ihr sehr viel Menschlichkeit spürt. Ich mag Menschen, die sich selber nicht so ins Zentrum rücken.

Peter Stamm, der Schweizer Schriftsteller. Ich mag seine Gedankengänge, seine Art zu schreiben, seine Ideen. Ihm würde ich auch gerne einmal gegenübersitzen.

Franz Hohler, weil er immer noch ein Stück meiner Kindheit ist, und weil mich seine Vielfältigkeit und seine Wachheit gegenüber unserer Welt sehr fasziniert.

Wir danken Dagmar Rösler herzlich für das Beantworten der Fragen!