Digitale Vernetzung und künstliche Intelligenz verändern in grossem Ausmass die betrieblichen Arbeitswelten. Alle Unternehmensbereiche sind betroffen und aufgefordert, das Digitalisierungspotenzial zu erkennen und umzusetzen. Zunehmend ist auch der Einkauf gefordert, seinen Beitrag zur digitalen Transformation des Unternehmens zu leisten. Neue Kompetenzen sind gefragt.

Industrie 4.0 ist keine Zukunftsvision mehr – sie ist bereits Realität und wirkt auf alle Unternehmensbereiche. Hingegen wird das Ausmass der technologischen und der strukturellen Veränderungen, die die Wirtschaft erfasst haben, unterschätzt.  Die digitalen Plattformen von Amazon, Alibaba oder Google ermöglichen heute bereits schnelle und globale Vernetzung und gewähren hohe Transparenz. Sie erhöhen damit den internationalen Wettbewerb, sie senken das Preisniveau, sie fordern mehr Innovationen und höhere Verfügbarkeit. Digitalisierung geht jedoch weit über die Welt der Plattformen hinaus. In einer von PwC am WEF vorgestellten Studie erklären knapp zwei Drittel aller Geschäftsführer, dass das Internet der Dinge und die künstliche Intelligenz eine grössere Auswirkung auf ihr Unternehmen haben wird als Automatisierung oder Internet. Erstaunlicherweise zeigt jedoch ein Grossteil der Unternehmen hohe Zurückhaltung und gefährliche Trägheit bei der betrieblichen Umsetzung.

Im Zentrum der neuen Realität

Der Einkauf steht im Zentrum dieser neuen Realität: Die Bewältigung des stark wachsenden Kosten-, Innovations- und Zeitdrucks ist mit den bisherigen Prozessen, Kompetenzen, Technologien und Strukturen kaum möglich. Unternehmen sind gefordert zukunftsfähige Wertschöpfungssysteme mit den digitalen Technologien zu implementieren. In dieser Transformation ist auch die Rolle des Einkaufs im Unternehmen neu zu definieren. Insbesondere beim Design und bei der Implementierung neuer Geschäftsmodelle ist diese Rolle zu erkennen und aktiv zu fördern. Um den Einkauf 4.0 einführen zu können, müssen die erforderlichen Investitionen in Organisations- und Mitarbeiterentwicklung gezielt und konsequent angegangen werden.

Der Einkauf 4.0 steht auf drei Säulen

Die Transformation des Einkaufs erfolgt in drei Bereichen, die nahezu gleichzeitig stattfinden und daher eine besondere Herausforderung an das Einkaufsmanagement stellen

  1. Die umfassende Digitalisierung und die Automation der Einkaufsfunktion innerhalb eines Unternehmens und der Lieferantenumgebung leisten einen Effizienzbeitrag. Die operativen Einkaufsprozesse «procure to pay» werden in hohem Grade digitalisiert, die operativen Tätigkeiten des Einkaufs werden mehr und mehr zurückgedrängt und verschwinden. Der Bedarfsträger und Bedarfsauslöser wird in seiner Interaktion mit dem Wertschöpfungsnetzwerk autonomisiert.
  2. Methoden der künstlichen Intelligenz (KI) leisten bei den strategisch-analytischen und konzeptionellen Aufgaben des Einkaufs im Wertschöpfungssystem, wie unter anderem Bedarfsplanung, Ausgabenanalyse, Beschaffungsmarktanalysen, Lieferantenanalysen oder auch Risikomanagement einen Effektivitätsschub. Mit Methoden der KI werden diese Aufgaben stärker unterstützt oder neuartig gestaltet. Die Nutzung und die Vernetzung unterschiedlicher Datenquellen und Formate bieten neue Einsichten in Zusammenhänge und lassen neue Potenziale erkennen. Das Daten- und Informationsmanagement wird zur zentralen Aufgabe.
  3. Schliesslich leistet der Einkauf mit der Gestaltung neuartiger, digital vernetzter Wertschöpfungssysteme einen wesentlichen Beitrag, um die Herausforderungen der digitalen Transformation des Unternehmens besser zu bewältigen. Die digitalen Geschäftsmodelle sind mehr als nur Produkt, sondern beinhalten ein umfassendes Leistungsangebot, das aus einem agilen Produktions- und Liefernetzwerk kundenspezifisch geliefert wird. Das Innovationspotenzial des Marktes für neue Geschäftsmodelle muss der Einkauf transparent machen und integrieren können.

So unterschiedlich die drei Säulen erscheinen, sind sie dennoch eng ineinander verzahnt. Die Digitalisierung der Prozesse im ersten Bereich allein wird für ein zukunftsfähiges Unternehmen nicht ausreichen. Mit dem Daten- und Informationsmanagement unter Punkt 2 werden wichtige Grundlagen und Voraussetzungen eines modernen Unternehmens gelegt. Aber erst wenn sich daraus auch neue und zusätzliche Erträge ergeben, ist die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gesichert.

Kompetenzfelder des zukunftsfähigen Einkaufs

Aus diesem Zukunftsbild des Einkaufs ergeben sich neun Kompetenzfelder, die für einen zukunftsfähigen Einkauf notwendig sind. Sie bewegen sich im Spannungsfeld von Technologie und Strategie. Obwohl die Begriffe in dieser Kompetenzlandkarte nicht neu sind, erfahren sie eine neue Wahrnehmung und Ausgestaltung. Das Kompetenzprofil des Einkaufs wandelt und entwickelt sich konkret in den folgenden Perspektiven:

  • von der Kostenperspektive zum Denken im Geschäftsmodell vom Lieferantenmanagement zum Netzwerkmanagement
  • von der kontinuierlichen Verbesserung zum Innovationsmanagement
  • von den Stammdaten zum Data Mining
  • vom Sicherheitsbestand zur Frühaufklärung
  • von der Lieferkette zum vernetzten Wirtschaftssystem

Im intensiven Austausch von Praxis, Beratung und Forschung entstehen neue attraktive Rollenbilder eines zukunftsfähigen Einkaufs. Jedes Unternehmen muss diesen Weg für sich finden und gehen.

Praxistransfer: Entwicklung von Lösungsansätzen

Die Swiss IPG Partners Group, das VNL Logistics Innovation Center und procure.ch unterstützen den Einkauf schrittweise bei folgender Fragestellung: Welchen Beitrag leistet der Einkauf zur Digitalisierung im Unternehmen? Für die Konkretisierung des Einkaufs 4.0 haben wir die notwendigen und richtigen Hebel: den Lehrgang Einkauf 4.0, den Arbeitskreis und die Technologieplattform Einkauf 4.0 sowie die firmenspezifische Begleitung in der Transformation des Einkaufs.

Dieser Beitrag ist als Erstpublikation auf procure.ch erschienen und wurde von Herbert Ruile und Carsten Vollrath verfasst.

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