Mental Health in Arbeit und Studium

Bericht

Psychische Störungen und Probleme beeinflussen Betroffene in ihrer Tätigkeit, egal ob Studium oder Beruf. Quelle Bild: Lara Friedrich

Bestimmt hatte schon jeder einmal einen Tag oder auch mehrere, an dem es einem nicht gut ging und man in einem Tief gefangen war. Wer aber unter mentalen Problemen leidet, kann monatelang in solchen Negativspiralen gefangen bleiben. Das Bildungsmagazin berichtet von verschiedenen psychischen Störungen, Syndromen und Symptomen und wie sie den Alltag eines Menschen bei seiner Arbeitstätigkeit und in seinem Studium beeinflussen.

A.* kriegt keine Luft. Gerade hat sie auf Social Media gesehen, wie ihr Freund ein Foto hochgeladen hat, wo er mit einer Bekannten posiert. Ihr wird so schlecht vor Angst und Wut, dass sie sich sofort hinsetzen und ihren Freund anrufen muss. Ihre Eifersucht belastet die Beziehung immer wieder, denn jedes Mal kommen bei ihr furchtbare Ängste und Zweifel auf, ob die Beziehung halten wird. Die Emotionen erkennt sie selbst als übertrieben an, denn sie lassen sie oft tagelang nicht mehr los. A. ist eine von vielen betroffenen Schweizer Personen mit psychischen Problemen, denn sie leidet unter einer Borderline-Symptomatik. Das bedeutet, dass sie viele typische Symptome von Borderline aufweist, wobei diese aber nie diagnostiziert wurde.
Rund 18 % der Schweizer Bevölkerung fühlen sich mittelschwer bis stark psychisch belastet, so ein Bericht des Schweizer Gesundheitsobservatoriums. Bei gezielter Nachfrage nach einzelnen Depressionssymptomen wurden die Autoren sogar bei 30 % der Schweizer fündig. Diese doch beachtlichen Zahlen bedeuten, dass solche psychischen Belastungen in den Alltag hineinspielen können. Cornelia Beck von der psychologischen Beratungsstelle der Universität Zürich und ETH Zürich erlebt eine Zunahme an Personen, die ihre Angebote in Anspruch nehmen. Mögliche Gründe dafür sieht sie unter anderem in den steigenden Studierenden- und Doktorandenzahlen, der gestiegenen Bekanntheit der Beratungsstelle und einer vermehrten Sensibilität für psychische Probleme.

Von den Angststörungen gibt es zwei wichtige Gruppen: Da wären einerseits die phobischen Störungen, bei denen sich die Angst auf eher fixe Situationen oder Objekte bezieht, die aber ungefährlich sind. Diese Situationen oder Objekte werden entweder gemieden oder voller Angst ertragen. Andererseits gibt es Angststörungen, bei denen sich die Angst nicht auf bestimmte Umgebungssituationen begrenzen lässt. Darin können aber wiederum auch Phobien vorkommen.

Psychische Störungen in der Schweiz
Zu den häufigsten psychischen Störungen in der Schweiz gehören Angststörungen, Depressionen und bipolare Störungen. So die offizielle Bezeichnung, doch was bedeutet es, mit einer solchen Krankheit zu leben?
K.* leidet an einer Angststörung (weitere Störungen siehe Kästchen), genauer gesagt unter einer Panikstörung mit Agoraphobie: Das bedeutet, dass sie sich nicht mehr auf weite, offene Plätze hinaustraut, und sie möchte auch um keinen Preis mit dem Bus wegfahren oder auch nur die Hauptstrasse entlanggehen. Denn sie hat Angst, dass sie sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann, wenn ihr etwas passiert, zum Beispiel ein Schlaganfall. Wenn es die Umstände doch erfordern, wird ihr schwindlig, sie bekommt Herzrasen und muss sich irgendwo festhalten, weil sie fürchtet, in der Öffentlichkeit zusammenzubrechen. Manchmal empfindet sie dabei richtige Todesangst. Da K. das Haus kaum mehr verlassen kann, ist es ihr nicht mehr möglich, ihre Mathe-Vorlesungen in derselben Stadt zu besuchen; sie musste deswegen ein Fernstudium beginnen. Die Eltern bezahlen die Miete der kleinen Wohnung und ihre Einkäufe, denn von dem Übersetzungsjob, den sie von zu Hause aus erledigen kann, kann sie ihre Rechnungen nicht bezahlen.
Die negative Wirkung psychischer Probleme auf Job und Studium betont auch Frau Beck: Häufige Folgen sind Konzentrations- und Motivationsprobleme, beeinträchtigter Selbstwert und verminderte Leistungsfähigkeit. Speziell was das Studium angeht, kann es zu Prüfungsversagen und Ängsten kommen, wobei besonders die Versagensängste eine prominente Rolle spielen. Bei solchen Problemen bietet die UZH-Beratungsstelle eine eigene Gesprächsgruppe für Personen mit Prüfungsangst an. Sonstige erleichternde Massnahmen für Studenten, welche beispielsweise unter einer Angststörung leiden, sind durch eine Abklärung mit der Fachstelle Studium und Behinderung individuell abzuklären.

Stigma gegenüber psychischen Störungen nimmt ab
Die befragte Studentin A., die unter einer Borderline-Symptomatik leidet, spricht diesbezüglich von einem wachsenden gesellschaftlichen Verständnis für psychische Probleme. Das sieht sie an der vermehrten Anerkennung von psychischen Störungen als echte Krankheiten, den vielen kostenlosen Beratungsstellen und den offenen Gesprächen, die man mittlerweile über das Thema führen kann. Sie bemerkt jedoch, dass speziell zum Thema Borderline noch fragwürdige Informationen in Umlauf sind. Viele uninformierte Personen sind heute noch der Meinung, dass es bei Borderline nur darum geht, sich zu «ritzen», um Aufmerksamkeit zu bekommen. Tatsächlich kann Selbstverletzung ein Symptom von Borderline sein, es muss aber nicht zwingend vorkommen und hat seine Wurzeln in viel weitläufigeren Themen als dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Ausserdem betont die Betroffene, dass die Begriffe bei all der Offenheit gegenüber psychischen Krankheiten, auch für falsche Zwecke verwendet werden. „Fashion Statements“ degradieren psychische Krankheiten (Bsp.: Stressed, Depressed, but Well Dressed), und Laien verwenden den Begriff «Depression» oft leichtfertig.

Mentale Krankheiten als „Fashion Statement“. Quelle Bild: Ilovecybershopping.com

Das führt dazu, dass solche Störungen verharmlost werden. Die Befragte meint aber, dass es auch Menschen gibt, die ehrliches Interesse an ihren Problemen zeigen, was wiederum dafürspricht, dass die häufigere Thematisierung psychischer Störungen heute eine positive Entwicklung ist.

Illustration: Lara Friedrich

Personen, die unter einer bipolaren affektiven Störung leiden, erleben gestörte Stimmung und Aktivität auf negative und positive Arten. Das bedeutet, dass diese Personen sowohl depressive (oben beschrieben) als auch manische Episoden erleben. Die letzteren können von vier Wochen bis zu fünf Monate andauern. Typisch in solchen Situationen ist eine fast unkontrollierbare Übererregung, Aktivität, Rededrang und weniger Schlafbedürfnis. Soziale Hemmungen gehen verloren, die Person wird ablenkbar und man hat z.T. Grössenideen.

Alltag und Studium mit Borderline-Symptomatik
Bei Borderline empfindet der Betroffene emotionale Instabilität, innere Leere und neigt zu Selbstschädigung. Die Unistudentin A. berichtet (kompletter Erlebnisbericht hier): Schon seit dem Kindergarten bemerkte sie, dass sie Probleme hatte. Mit Beginn der Pubertät wurden die Symptome wieder schlimmer. Diese umfassten das bereits erwähnte Gefühl emotionaler Instabilität, innerer Leere, Schneiden der Unterarme und extreme Eifersucht, die sich in häufigen Streitsituationen äusserte, wie sie im ersten Abschnitt beschrieben sind. Sie konsultierte eine Reihe von Therapeuten, bis sie zu jemandem kam, der wirklich Verständnis zeigte. Wenn sie früher solche Dinge belasteten, hatte sie in den seltenen Krisenfällen Mühe, sich im Studium zu konzentrieren. Es kam vor, dass sie Vorlesungen ausfallen liess. Oder auf der Arbeit musste sie sich das eine oder andere Mal zurückziehen, um zu weinen. Sie betont aber, dass sie ihre Krankheit heute mehr oder weniger im Griff hat. Sie geht noch regelmässig in die Therapie und nimmt Tabletten, ist aber mittlerweile so weit, dass ihre Störung die berufliche und akademische Leistung nur noch wenig beeinflusst. Die Arbeit und Gespräche mit Freunden und Familie tun ihr gut.

Burnout, Arbeit und Studium
Ein weiteres häufig diskutiertes psychisches Problem in der Öffentlichkeit ist Burnout. Dabei ist vielen gar nicht klar, dass es sich überhaupt nicht um eine richtige psychische Störung, sondern lediglich um ein Syndrom handelt. Syndrome setzen sich aus Gruppen von Symptomen zusammen; ein Beispiel wäre das depressive Syndrom, das aus depressiver Stimmung, Verlust von Freude und Interesse und starker Ermüdbarkeit besteht. Dass Burnout «nur» ein Syndrom ist, bestätigt auch Flurin Caviezel, ein Komplementärtherapeut mit Praxen in Chur und Zürich. Als häufigen Entstehungsgrund eines Burnout-Syndroms nennt er zunehmenden Leistungsdruck in der Ausbildung, im Beruf und den sozialen Medien, wobei oft zusätzlich noch weitere persönliche Probleme vorhanden sind. Laut Caviezel zeigt sich der Leistungsdruck oft in Schlafstörungen oder anderen psychosomatischen Beschwerden. Er meint: «Dies hat einerseits Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit, andererseits auf das Sozialleben». Zusätzlich haben Studenten Mühe mit Leistungsdruck, insbesondere was Prüfungs- und Versagensangst angeht. Viele greifen laut Caviezel zu unerlaubten Hilfsmitteln, was die Situation noch verschärfen kann. Er bemerkt: «Die allgemeine Vorstellung vom lustigen Studierendenleben ist heute nicht viel mehr als ein Märchen». Auch Cornelia Beck von der UZH/ETHZ-Beratungsstelle sieht eine der Ursachen von Burnout im hohen andauernden Leistungsdruck, betont jedoch, dass auch noch Faktoren der Persönlichkeit und sonstige belastende Faktoren der Umwelt dazu beitragen.

Illustration: Lara Friedrich

Die Depression ist eine von vielen möglichen affektiven Störungen (eine weitere ist unten beschrieben). Affektive Störungen beeinflussen Stimmung und Erleben der Person. Bei der typischsten Form, der rezidivierenden depressiven Störung, leidet der oder die Betroffene unter wiederholten depressiven Episoden, die drei bis zwölf Monate dauern können. Typische Symptome sind depressive Stimmung, Verlust von Interesse oder Freude und starke Ermüdbarkeit. Je nach Person tritt zwischen den Phasen eine Besserung ein. Auslöser sind oft belastende Lebensereignisse, und in vielen Kulturkreisen sind Frauen sehr viel häufiger betroffen als Männer.

Angebote bei Burnout und Medienpräsenz
Es gibt aber neben einer Beratung noch weitere Angebote für Personen, die Burnout-gefährdet oder -betroffen sind. Entlastende Massnahmen wie zum Beispiel ein reduziertes Arbeitspensum sind eine Möglichkeit. Dabei ist wichtig, dass die Ursachen für das Burnout ergründet werden und dass die Professionalität des Beraters gegeben ist und die menschliche Komponente im Gespräch nicht fehlt, so Caviezel.
Burnout ist sehr präsent in den Medien und der Öffentlichkeit. Doch leiden tatsächlich so viele darunter, wie man aufgrund des Diskurses meinen könnte? Caviezel meint dazu, dass man dabei auch sehen müsse, dass es den Begriff erst seit den 1970er-Jahren gebe. Das bedeutet, dass Personen zwar sicher schon davor an Burnout litten, aber dass das Verständnis dafür noch relativ neu ist. Auch greifen moderne Medien schnell einmal zum Burnout-Begriff, selbst wenn es nur um eine zu bewältigende Krisensituation geht. Echte Burnout-Patienten sind dagegen derart überfordert, dass sie ohne Hilfe nicht mehr zurechtkommen.
Herr Caviezel schliesst damit, dass grosse Chancen für Burnout-Therapie und für Therapien im weiteren Sinne in der offenen Kommunikation von psychischen Probleme liegen. Damit wiederspiegelt er die Meinung der Borderline-Patientin A.: «Das Bewusstsein für die eigene Gesundheit ist grösser geworden und die Menschen sind selbstbestimmter.»

*Name der Redaktion bekannt

Wenn auch du das Gefühl hast, dass dir psychischen Belastungen zu viel werden, findest du hier Hilfe:

An Universitäten:

  • Universität Zürich: Psychologische Beratungsstelle UZH/ETHZ, Plattenstrasse 28, 8032 Zürich, Tel. 044 634 22 80, Email pbs@sib.uzh.ch
  • Universität Bern: Beratungsstelle der Berner Hochschulen, Erlachstrasse 17, CH-3012 Bern, Tel. 031 635 24 35, Email bernerhochschulen@erz.be.ch
  • Universität Basel: Fakultät für Psychologie, psychologische Psychotherapie für Studierende, Missionsstrasse 62, 4055 Basel, Tel. 061 207 24 00, Email psychotherapie@unibas.ch
  • Universität Luzern: Psychologische Beratungsstelle Campus Luzern, Museggstrasse 37, 6004 Luzern, Tel. 041 228 33 17 (Dr. Christine Seiger) oder Tel. 041 228 33 16 (M.Sc. Jonas Bamert), Email info@pblu.ch

Schweizweit:

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