Was hinter dem Papier steckt

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Der Anteil an Studierenden ist hoch in der Schweiz und hat in den letzten Jahren ein ständiges Wachstum erfahren – nicht immer ohne Kritik. Warum ein Studium oder eine Weiterbildung trotzdem mehr als der sinnlose Erwerb eines Diploms darstellt.

„Ach, Sie studieren Erziehungswissenschaften? Was wird man den damit? Scheint mir sehr theoretisch, hätten Sie mal lieber eine Lehre gemacht!“, befand ein älterer Herr im Zug, der mir gegenüber sass. Sein Reisepartner links von ihm nickte zustimmend. Ich zuckte nur mit den Schultern, mir stand nicht der Sinn nach einer ausführlichen Diskussion nach Feierabend. Doch der Vorwurf blieb mir präsent. Genug präsent, das ich mich einlas: Immer mehr Menschen in der Schweiz besitzen ein abgeschlossenes Studium oder eine Weiterbildung. Dies bestätigen auch die Zahlen des Bundesamts für Statistik. So stieg die Anzahl neuer Studierender an universitären Hochschulen in den Jahren 2000 bis 2009 um 25% von 15’300 auf 19’000. Bei den Fachhochschulen konnte zwischen 2005 und 2015 gar eine Steigerung von 51 % beobachtet werden. Die verschiedenen Szenarien des Bundesamts für Statistik bestätigen diesen Trend auch für dieses Jahr und die kommende Jahre:

Verschiedene Szenarien für Entwicklung der Studierendenanzahl an Fachhochschulen in den nächsten sieben Jahren. Quelle: Bundesamt für Statistik

Es gibt allerdings kritische Stimmen, die diesen Trend in Frage stellen. So äusserte sich der ehemalige SP-Nationalrat Rudolf Strahm: „Ein Bachelor-Abschluss an einer universitären Hochschule ist meist nicht arbeitsbefähigend.“ Doch stimmt das? Ist eine ständig wachsende Anzahl Studien- und Weiterbildungsabschlüsse ein Leerlauf für den Einzelnen und die Wirtschaft?

Abschluss = Teller servieren

Nein, denn mit dem Studium erwerben wir mehr als nur ein Blatt Papier. Es vermittelt uns Wissen und lehrt uns Fertigkeiten, die in der Berufswelt essentiell sind: Kritisches und eigenständiges DenkenTeamarbeit und systematisches Vorgehen. Fachhochschulen beziehen aktiv die Praxis mit ein, während Universitäten am Puls von Forschung Wissen vermitteln. In vielen Ländern genügt ein akademischer Abschluss nicht, um einen, dem Abschluss entsprechenden, Job zu finden. So wird oft ironisch behauptet, im Südosten von Europa hätten Kellnerinnen und Kellner einen höheren Abschluss als Politikerinnen und Politiker. Die Möglichkeit, in der Schweiz mit einem abgeschlossenen Studium oder einer Weiterbildung Berufsziele nicht nur zu verfolgen, sondern auch zu erreichen, spricht für unser Ausbildungssystem und die Attraktivität eines Abschlusses auf Hochschulniveau.

Leidenschaft bildet

Gewiss, nicht für jeden ist der akademische Weg der richtige, doch auch ohne Hochschulstudium kommt man im Leben nicht darum herum, sich weiterzubilden. Jiro Ono, der wohl weltweit bekannteste Sushi-Meister, erklärt im Dokumentarfilm „Jiro Dreams of Sushi“, dass er nie aufgehört habe, seine Kreationen perfektionieren zu wollen. Er träume sogar davon, wie er seine Sushis verbessern könnte:

Im Griechischen gibt es dafür ein Wort – Meraki. Dies bedeutet, sich mit all seiner Seele, Kreativität und Aufmerksamkeit einer Sache zu widmen und das zu tun, was für einen bestimmt ist und Vergnügen bereitet. Das Ziel von uns allen sollte es sein, nach Meraki zu streben. Menschen wie Jiro verkörpern diese Leidenschaft für ihren Beruf. Und ist es schlussendlich nicht diese Leidenschaft, welche einen „arbeitsbefähigt“, unabhängig vom Abschluss?

Studium schafft Möglichkeiten

Bis man beruflich etwas mit Meraki ausüben kann, ist es oft ein steiniger und langer Weg. Die meisten Studierenden landen nach dem Abschluss des Studiums nicht direkt bei ihrem Traumjob. Wenn einen die Tätigkeit nicht zufriedenstellt, bieten gerade Weiterbildungen oder ein Studium die Möglichkeit für eine Veränderung. Gemäss dem Bundesamt für Statistik widmeten sich im Jahr 2016 63 % der Bevölkerung in irgendeiner Art einer Weiterbildung.
Das passende Studium oder die passende Weiterbildung zu finden kann schwierig und aufwändig sein, sodass die Suche oftmals wieder aufgegeben wird. Verschiedene Instanzen können hier Orientierungshilfe leisten. So kann z.B. im Gespräch mit dem Arbeitgeber herausgefunden werden, welche Weiterbildungen sinnvoll sind, damit man sich im Betrieb weiterentwickeln kann. Besonders bei beruflichen Weiterbildungen profitiert der Arbeitgeber meist direkt in der Praxis. Interaktive Grafiken zeigen, dass einem auf jeder Bildungsstufe zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten offen stehen: Bildungsnavigator.

Das eigentliche Ziel

Die Kindheit ist schön und das Rentnerleben ebenfalls, doch wir müssen uns bewusst sein, dass die Zeitspanne, in welcher wir arbeiten, die längste ist. Insofern dürfen wir nicht unsere Motivation verlieren, etwas anzustreben, das wir mit Meraki ausüben. Egal was ältere Herren im Zug dazu meinen. Wenn wir von Montag bis Freitag jede Sekunde bis zum Wochenende zählen, müssen wir unsere momentane Lage möglicherweise überdenken. Selbst wenn eine Weiterbildung heisst, dass die Arbeitswoche in dieser Zeit noch länger erscheint, ist es die Mühe wert. Sobald die berufliche Tätigkeit, die einen erfüllt, erreicht ist– wie Sushi-Meister Jiro das Zubereiten von rohem Fisch – ist jeder Tag eine persönliche Weiterentwicklung, die mit Leidenschaft absolviert wird.

 

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